Dienstag, 17. Februar 2015

Die Macht der Verführung


Das Buch schlägt alle Rekorde, jetzt ist "50 Shades of Grey" im Kino zu sehen. Die finanzielle Ausschlachtung aber passiert mit Konsumgütern
Sie glauben, der Erfolg von Shades of Grey sei ein Zeichen dafür, dass so genannte echte Kerle wieder angesagt sind? Vorsicht. Die Quintessenz des Buches ist eben nicht, dass Frauen beim Sex gerne hart angefasst werden möchten und sich nach einem Stalker sehnen, der sie per Smartphone überwacht. Sondern dass ein Mann, der mit Seilen, Peitschen und klaren Ansagen reüssieren möchte, im Gegenzug einiges mitbringen sollten: ein Bill-Gates-haftes selfmade-Vermögen, unzählige überdimensionierte Statussymbole und Routine bei der Auswahl von High-End-Konsumgütern. Die Markenartikel in Shades of Grey sind mehr als Accessoires der Handlung – ohne sie ist die Liebesgeschichte zwischen Anstasia Steele und Christian Grey überhaupt nicht möglich. Denn trotz aller sexuellen Abenteuer und Grenzüberschreitungen bleibt der Roman eben doch eine sturzkonservative Frauenfantasie – ein reicher Prinz verliebt sich die schöne junge Frau und ermöglicht ihr ein Leben im Luxus; sie soll ihn im Gegenzug von seinen Leiden erlösen, also: ihn ändern. Und da ein Kapitel von Shades of Grey mehr Product Placement enthält als ein ganzer James Bond-Film, hat der Roman auch die Wirtschaft in der realen Welt beeinflusst: Die Verlagsbranche, Sexshops, Luxushotels, bastelnde Mütter, die bei Dawanda.ch Bettelarmbänder zum Thema verkaufen – sie alle haben von der Fantasie der Autorin E L James profitiert. Da bietet es sich natürlich an, diesen Hype zu nutzen und das Merchandising voll aufzudrehen: Motto-T-Shirts, Wein, Tassen, Teddybären im Christian-Grey-Look, Unterwäsche und natürlich eine eigene Erotika-Kollektion – die Materialschlacht von Shades of Grey geht in der Realität weiter. Und wenn die realen Männer schon nicht an den sagenhaften Mr. Grey heranreichen, dann kann man sich also wenigstens einen kleinen Teil seiner Welt mit nach Hause nehmen. Und auch wenn man echte Liebe nicht kaufen kann – ein kurzer Blick in den Kosmos von Shades of Grey zeigt, dass man der Sache mit den richtigen Geschenken schon sehr nahe kommen kann.


Mobilität: Stellen Sie sich auf einen Fuhrpark ein. Christian schenkt seiner neuen Freundin aus Sicherheitsgründen einen Audi A3, da er in ihrem alten VW Käfer um ihr Leben fürchten muss. Später schenkt er ihr noch einen Audi R8 Spyder zum Geburtstag. Nachdem seine Ex-Freundin den Audi ruiniert, wird später durch einen Saab 9-3 Convertible ersetzt wird. Er selbst fährt einen Audi Quattro SUV (ca. 50 000 Franken). Hinzu kommen ein privater Gulfstream Jet, ein Helikopter (Eurocopter EC130B-4, Kosten 2,7 Mio. Franken), ein Segelflugzeug und ein Katamaran gigantischen Ausmasses. Dass Christian Grey stets seine Fahrzeuge selbst steuert versteht sich von selbst, hier geht es schliesslich um Kontrolle. Und sie haucht: „Du bist so … kompetent“.
Literatur: Ursprünglich entstand Shades of Grey als so genannte Fanfiction des US-Teenieromans „Twilight“. Das bedeutet, dass Fans im Internet die Geschichte weiterschreiben, bei der es viel Vampire, Begehren und Jungfräulichkeit ging. Zugleich verweist Shades of Grey auf Jane Eyre von Charlotte Brontë; hier hat der dunkle Mr. Rochester zwar kein geheimes Spielzimmer aus rotem Leder, dafür aber ein verrückte Ehefrau im Speicher versteckt, die die Beziehung zu Jane Eyre ähnlich erschwert wie Mr. Greys sexuelle Vorlieben.

Der echte Mr. Grey: Mr Rochester, der reiche, aber übellaunige Liebhaber von Jane Eyre. Statt eines spießigen Red Rooms auf Pains hat er ein Turmzimmer mit einer verrückten Ehefrau. Drama, Baby! Foto: BBC


         Verlagswesen: Nach Angaben des Verlages Vintage House hat sich Shades of Grey 2014 insgesamt mehr als 100 Millionen Mal verkauft. Schon 2013 hatte die Nachricht Schlagzeilen gemacht, dass die Roman-Triologie dem deutschen Verlag Random ein Rekordjahr bescherte und den Umsatz von 185 auf 300 Millionen Euro steigerte.   
         Teatime: Schon bei ihrem ersten Treffen mit Christian Grey trinkt Ana Twinings English Breakfast Tea. „Ich mag ihn schwarz. Und schwach“, haucht sie mit ihrer Raspelstimme, und er verliert die Sinne. Dass das irgendwie unlogisch ist, ist dann auch egal.
        Digital Naive: Eines der ersten Geschenke von Christian Grey ist ein MacBookPro, damit das Mädchen endlich mal einen Computer zu Hause hat. Praktischerweise wird das auch gleich von jemandem geliefert, der den Computer für Ana einstellt. Ein Mail-Programm auf einem Mac zu installieren ist zwar nicht besonders anspruchsvoll, aber da die 21-Jährige Uniabsolventin bislang ohne Mailadresse auskam, vielleicht der richtige Gedanke.
         Liebeswochenende: The Heathman Hotel in Portland: Hier finden regelmässig Verabredungen statt, nicht nur die Bar und das Restaurant, auch der Fahrstuhl spielt dabei eine tragende Rolle. Das echte Heathman wurde durch das Buch berühmt sich auf eine neue Art des Sextourimus eingestellt. Das Shades of Grey-Paket bietet ein Dinner für sechs Personen, Rosen für die Ladys und ein Helikopterflug inklusive Limousinenshuttle. Kosten: 2750 Dollar. www.portland.heathmanhotel.com
         Erotika: Kaum eine Branche hat von Shades of Grey so profitiert wie die gehobenen Sexshops, die New York Times berichtet von einer Absatzsteigerung von 7,5 Prozent bei Sexprodukten wie Spielzeug, Bücher und Videos. Während für die britischen High-End-Stores wie Coco de Mer und Agent Provocateure Sexspielzeug für gemässigte S/M-Fantasien schon lange der Erotikkultur waren, so haben andere Store eigens aufgerüstet und das gesamte „Shades of Grey“-Merchandising ins Programm genommen, z.B. amorelie.de/fifty-shades-of-grey. Dank Shades of Grey haben Sextoys sogar ihren Weg in den Mainstream gefunden; zum Valentinstag gibt es in der Discounterkette Target eine offizielle Kollektion, in Deutschland kann sie bei Rossmann bestellt werden. Was da verkauft wird? Ringe, die nicht am Finger, sondern von Männern getragen werden.
          Wohnen: Vierzimmerwohnung mit Südbalkon? Eher nicht: Grey bewohnt eine Penthousewohnung im Escala Tower in Seattle, deren reales Vorbild gerade für 6,2 Millionen Dollar verkauft wurde. Hier verbirgt sich auch das Spielzimmer, auch als der „Red Room of Pain“ bezeichnet. Falls Ihnen die Fantasie fehlt: unter christiangreysapartment.com finden Sie einen Rundgang durch Greys Apartment, inklusive gemeinsamer Lieblingscocktails und „Liebessofa“.
          Solaranlagen: Wenn Christian Grey nicht damit befasst ist, seiner Freundin multiple Orgasmen zu bescheren, bekämpft er Hungerkatastrophen in der Dritten Welt. Dafür entwickelt seine Firma Saatgut, dass so effizient ist, das niemand mehr hungern muss. Praktisch! Ausserdem interessiert er sich auch für erneuerbare Energien und Bildung.
            Krawatten: Grey’s silbergraue Krawatten aus geflochtener Seide sind nicht nur ein Symbol seiner Potenz als Unternehmer, sondern können auch alternativ als Sextoy eingesetzt werden. Darauf ist sogar der konservative US-Herrenausstatter Brooks Brothers angesprungen: „Wir haben immerhin acht verschiedene Grautöne im Angebot“.
          Musik: Selbstverständlich gibt es einen Soundtrack zu dem Buch. Neben all seinen zahlreichen Talenten ist Christian Grey nämlich auch noch hochmusikalisch und ist nachts melancholisch am Flügel zu finden. Auf dem Album findet man das Blumenduett aus der Oper Lakmé, eine Version von Britney Spears „Toxic“ und „Sex on Fire“ von den Kings of Leon – aus nachvollziehbaren Gründen. 
          Merchandising: Viel wurde schon die dürftige Sprache des Romans geschrieben. Dabei ist sind die Dialoge bestens geeignet für Mottotassen und bedruckte T-Shirts. Und hat die Autorin zu einer der reichsten Frauen der Welt gemacht, 2013 berechnet das Forbes-Magazin ihre Jahreseinnahmen auf 95 Millionen Dollar. Also fast so reich wie Bill Gates. Selfmade. 


Fürs Mädchenzimmer: Teddybär im Stile von Mr. Grey





ERSCHIENEN IN DER NZZ AM SONNTAG VOM 15. 2. 2015


Mittwoch, 7. Januar 2015

Ganz nach oben


Der Emporkömmling hat einen eher schlechten Ruf. Zu Unrecht, finden Jazz Johnson, Erbin der „Johnson & Johnson“-Dynastie und ihr angeheirateter Onkel, der Schriftsteller Dirk Wittenborn. Das Autorenduo kennt sich aus: Jazz Johnson, 38, ist als Erbin des Johnson & Johnson-Imperiums am oberen Ende der New Yorker Nahrungskette zu verorten; ihr angeheirateter Onkel Dirk Wittenborn, 62, hat zahlreiche Bücher und TV-Dokumentationen über die High Society und ihre Drogen verfasst. Gemeinsam haben sie „Social Climbers Bible“ verfasst, also, frei übersetzt: Das Handbuch für Parvenüs und sonstige Schleimer. Es ist für all jene 99 Prozent gedacht, die leider nicht herausragend schön, geistreich oder wohlhabend sind – denen also weder über einen Platz im Learjet und noch ein Luxuschalet in Gstaad zur Verfügung steht, die beides aber dringend benötigen. Und da hilft nur eins: „Networking“ mit Menschen, die weiterhelfen können.
 Dabei, finden sie, könne man sich ruhig an Kate Middleton orientieren. Die musste sich in ihren Anfängen als Freundin von Prinz William viel Häme anhören – doch es ist ihr gelungen, von der Tochter einer Stewardess zur Mutter des künftigen Königs von England aufzusteigen. Wer also früher ausgelacht wurde, trifft heute beim USA-Trip die Obamas, Beyoncé und Jay-Z. Soziale Mobilität ist also möglich, sagen Johnson und Wittenbrink, sofern nur genügend Ehrgeiz und die richtige Strategie vorhanden sind. Denn die Superreichen und Mächtigen können sich nicht nur mit ihresgleichen umgeben, sie brauchen die Gesellschaft von freundlichen Geistern, die lächelnd ihren Erfolgsstorys lauschen, gelangweilte Ehepartner unterhalten und sie unaufdringlich um ihren Lifestyle beneiden. Genau das ist die Stellenbeschreibung des Parvenüs, und das Buch bestätigt: Charmant zu sein ist mindestens ein Fulltime-Job.
 Ihre Handreichung liest sich als Anleitung, als Warnung oder als Sittenbild der amerikanischen Superreichen – abhängig vom sozialen Standpunkt und der moralischen Verfassung des Lesers.
 Und weil beide Autoren nachdrücklich beschreiben, dass man ihre Anleitung zwar Lesen, aber niemals dabei erwischt werden möge, folgt eine diskrete Zusammenstellung ihrer besten Ratschläge. Viel Erfolg!

Jazz Johnson mit ihrem angeheirateten Onkel, dem Schriftsteller Dirk Wittenborn. Foto: Viking/Penguin Books


1.     Bin ich wirklich ein „Social Climber“?
Stellen Sie sich vor, Sie sind mit einer Freundin, ihrem Partner oder Ihrer alten Tante verabredet. Durch einen magischen Zufall könnten Sie zur gleichen Zeit Stella McCartney, Angelina Jolie oder Roger Federer zum Lunch treffen. Wenn Sie bereit wären, ihren alten Freunden abzusagen, beantworten Sie die Frage mit: Ja.
2. Treten Sie bei Facebook aus. Verabschieden Sie sich von Ihrer faden Vergangenheit. Jetzt ist es an der Zeit, sich selbst neu zu erfinden, und da braucht man keine „Freunde“ aus der Vergangenheit, die „Seit wann denn das?“ unter Ihre neuen, glamourösen Bilder posten.
2.     Wie treffe ich wirklich reiche Leute?
Schauen Sie sich nach dem teuersten Wohnviertel ihrer Stadt um. Dann gehen Sie dort zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker. Dort werden Sie bestimmt ein gestraucheltes Mitglied einer schwerreichen Familie treffen, das sich offenbart. Dieser Mensch braucht einen treuen Freund, der ihn durch die schwierige Zeit manövriert – Sie. Gleichzeitig können Sie auch zu Beerdigungen von Industriemagnaten, Politikern und Societyfiguren gehen, mit denen Sie noch nie ein Wort gewechselt haben. Wichtig: sich vorher gut einlesen und früh genug kommen, damit man einen guten Platz nahe der Familie bekommt. Auch gut: teure Galerieeröffnungen, Auktionen und Gottesdienste in exklusiven Stadtvierteln. 
3.     Was mache ich dann?
Sortieren Sie Ihre Zielpersonen in Schildkröte, Schwan, Big Fish oder Wal. Die Schildkröte kommt aus den besten Familien, ist aber unattraktiv. Der Schwan ist wunderschön, im Kielwasser seines Sex-Appeals kommen Sie durch jede Tür. Beide sind zutiefst verunsichert und werden Ihre aufrichtige Freundschaft zu schätzen wissen. So kommen Sie zu den grossen Fischen, also jenen, die reich sind, aber noch nicht an der Spitze der sozialen Hierarchie stehen. Das sind die Wale. Das muss Ihr Ziel sein.
4.     Sie haben es zu einer exklusiven Cocktailparty geschafft. Und nun?
Sagen Sie zu jeder Person, die Ihnen vorgestellt wird, dass Sie sich sehr freuen, Sie wiederzusehen. Wiedersehen? Ja, genau. Niemand wird zugeben, Sie noch nie getroffen zu haben, gleichzeitig wirken Sie wesentlich arrivierter, als Sie es im Moment noch sind. Dann achten Sie darauf, wer in kleinen Gruppen am meisten redet und die schlechtesten Witze macht – wenn alle zuhören und loslachen, dann ist dies Ihr Big Fisch.
5.     Was sollten Sie niemals fragen?
„Wer sind Sie?“ Besser: Kinder der Gastgeber oder anwesende Rentner konsultieren. „Wo wohnen Sie?“ Fragen Sie doch gleich nach dem Kontoauszug. Besser: „Sie wohnen auch am Opernplatz?“ – die richtige Antwort wird sofort kommen. Auch schlecht: „Was machen Sie beruflich?“ Puh. Noch weniger subtil geht es ja wohl kaum. Geschickter: „Sie sind Unternehmensberater, richtig?“ – entweder ist das Gegenüber geschmeichelt oder entsetzt, es wird Sie aber auf jeden Fall aufklären.
6.     Name-Dropping – aber richtig.
Ihr Leben wirkt gleich viel aufregender, wenn Sie berühmte Freunde haben. Wenn diese tot sind, umso besser, denn dann kann Ihnen niemand widersprechen, wenn Sie behaupten, Janis Joplin hätte sie gebabysittet, weil Ihre Mutter eine Affäre mit Jimi Hendrix gehabt habe. Und nur Anfänger nennen lediglich den Vornamen.
7.     Seien Sie ein richtig guter Gast
Da Sie weniger zu bieten haben als Ihr schwerreicher Gastgeber, müsse Sie das kompensieren: seien Sie die reizendste Person auf der Party. Machen Sei Komplimente, helfen Sie der Gastgeberin, zeigen Sie nur Ihre besten Manieren und bringen Sie um Himmels Willen ein Geschenk mit. Da Sie finanziell vermutlich nicht mithalten können, muss es etwas Selbstgemachtes sein. Kaufen Sie ein paar Einweckgläser, füllen Sie Ihre Lieblingsmarmelade hinein, Aufkleber drauf, „Nach dem Rezept meiner Grossmutter“, Schleife drum. Wie nett! Unterhalten Sie auch die langweiligen Gäste, seien Sie charmant zu den Vollidioten, kümmern Sie sich um Kinder und Grosseltern – Ihre Gastgeber wird ein schlechtes Gewissen kriegen und es Ihnen danken.
8.     Was soll ich anziehen?
Hier gilt das gleiche wie für das Geschenk: Wer finanziell nicht mithalten kann, muss mit einer guten Story rüberkommen. Gehen Sie in einen Secondhand-Laden (wieder: eines teuren Stadtteils), kaufen Sie sich eine dreissig Jahre alte Designer-Robe und behaupten Sie, Ihre Grossmutter hätte sie anlässlich Dinners mit Queen Elizabeth II getragen, als sie 1980 die Schweiz besuchte.
9.     Treten Sie wieder bei Facebook ein – geben Sie sich, wenn nötig, einen neuen Namen und posten Sie Bilder von all den Partys, Hochzeiten und Charityevents, zu denen Sie Schwäne und Schildkröten hintransportiert haben. Um nicht allzu oberflächlich zu erscheinen, ist es ratsam, ab und an Artikel aus ausländischen Zeitungen wie dem Guardian, der New York Times oder dem Figaro zu posten.
10.  Und wenn Sie einen Sitzplatz im Privatjet ergattert haben, kommen Sie bitte rechtzeitig: zwölf Plätze sind schnell mit dem Gastgeber und den anderen Emporkömmlingen besetzt, und wer zuletzt kommt, der muss leider auf der Toilette mitfliegen. Geben Sie bitte niemals zu, dass Sie noch nie in einem Privatjet geflogen sind. Und, bitte: In diesem Fall müssen Sie schon ein besseres Gastgeschenk mitbringen als ihre „selbstgemachte“ Marmelade.

EERSCHIENEN IN DER NZZ AM SONNTAG VOM 28.12.2014



The Social Climbers Bible: A Book of Manners, Practical Tipps, and Spiritual Advice for the Upwardly Mobile. Penguin Books, 320 Seiten.


Montag, 8. Dezember 2014

Nur Bares ist Wahres


Wer zu Hause zu viel Zeug hat, wünscht sich Geld. Der Nachteil: die Idee des Schenkens stirbt.



Die Bewohner der Innenstädte leiden unter Phantomschmerzen. Nein, wir glauben nicht, dass 
uns ein Arm oder ein Bein abhanden gekommen sei; jeder, den ich kenne, meint, dass seiner 
Wohnung genau ein Zimmer fehle: Bewohner einer Drei-Zimmer-Wohnung benötigen dringend 
eine Vier-Zimmer-Wohnung, haben sie ein vier Zimmer, müssten es eigentlich fünf sein. Doch 
ich glaube gar nicht, dass wir zu wenig Platz haben. Wir haben einfach viel zu viel Krempel. 
Mein Mann etwa beharrt darauf, seine extensive Plattensammlung bei uns im Esszimmer zu 
lagern. Er sieht seinen Besitz als Teil seiner ästhetischen Biographie, von dem er sich niemals 
trennen würde. Dass seine Sammlung mehrere Regalmeter verbraucht und wir ein eigenes Regal
 für Singles aus den 80ern haben, das stört ihn nicht. Es stört auch nicht, dass wir vor lauter Platten 
gar keinen Platz mehr für einen Plattenspieler haben. Wenn ich sage, dass Zeug müsse raus, dann
 verdreht er nur die Augen. Wenn ich sage, dass für jedes neue Ding ein altes die Wohnung 
verlassen müsse, weil wir sonst dort nicht mehr darin wohnen könnten, ebenfalls. Denke ich an 
Weihnachten, dann wird mir schon ganz schwindelig. Das Kind wünscht sich eine Erweiterung der 
Hot-Wheel-Bahn, ein Mountainbike mit Gangschaltung und eine Raketenabschussrampe.

Und meine Eltern, die in ihren Vorortswohnsitzen mehr als genug Platz haben, sehen es als 
Frage der Ehre, Weihnachten möglichst viel Konsumwahnsinn in unserer Wohnung abzuladen: 
überdimensionale Quietscheenten für die Badewanne, Hirschpasteten in Miniaturgläsern, Bücher 
für freche Frauen. Dass in unserer Wohnung keine Schublade mehr frei ist, dass unsere Wohnung
 einer übervollen Schublade gleicht, ist jedem klar, der uns schon mal besucht hat. Trotzdem: 
Auf die Eieruhr, die nach fünf Minuten „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ spielte, war 
meine Mutter besonders stolz; sie landete kurz nach ihrer Abreise im Müll. Dieses Phänomen ist 
bereits Gegenstand wirtschaftswissenschaftlicher Untersuchungen: Achim Wambach, 
Wirtschaftsprofessor an der Uni Köln, kommt zu dem Schluss, dass Weihnachtsgeschenke der 
Gipfel der Wertvernichtung wären: „Ineffizient, da sie nicht die Vorlieben der Beschenkten treffen“,
 lautet sein Urteil: „Bis zu einem Drittel des Wertes wurde bereits durch das Schenken zerstört.“ 
Fazit: „Ohne Weihnachten  wären wir besser dran.“ Ökonomischer wäre es, sich Geld zu schenken.
 Das bestätigt auch eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte, die ebenfalls genau 
aufgeschlüsselt hat, wie die Schweizer aneinander vorbeischenken: Die begehrtesten Geschenke: 
Bargeld. Bücher. Urlaub. Die verschenktesten Geschenke: Bücher. Schokolade. Parfum.

Ich war dieses Jahr insgesamt auf drei Hochzeiten und einem 70. Geburtstag, und jeder, wirklich 
jedes Brautpaar, jeder Jubilar wünschte sich nur eines: Geld. Egal ob Apothekeradel oder 
Kreativprekariat, sie alle hatten nur einen Wunsch. Meine beste Freundin (sie wohnt mit ihrer 
Familie in einer Legebatterie in der Innenstadt) schrieb entschuldigend auf die Einladung: „Wir 
haben in unserem Haushalt alles, was wir brauchen, und wir haben keinen Platz für mehr. Wenn
 Ihr uns etwas schenken möchtet, dann könnt Ihr uns diese Feier schenken.“

Angesichts vollständig eingerichteter Wohnungen, knappen Wohnraum und geschmacklicher 
Superindividualisierung sind Geldgeschenke dann ja nur die logische Konsequenz. Ein schmaler
 Umschlag mag zwar nicht viel Stil haben, dafür aber viele Vorteile. Erstens: Geld kostet keinen
 Quadratzentimeter. Vorteil Nummer zwei: maximale Transparenz. Per Kontoauszug lässt sich 
das eigene Standing im Familien- und Freundeskreis genau beziffern. Gleichzeitig weiß man, 
mit welchen Einnahmen man beim nächsten Fest rechnen kann. Wenn wir uns also bald 
gegenseitig zum Geburtstag und Weihnachten Daueraufträge einrichten, würde auch die 
zeitraubende Geschenksuche wegfallen. Die Sache hat nur einen Haken: die Idee des Schenkens 
wäre tot. Das ist natürlich schade, aber wenn man darauf beharrt, innerhalb des Trambahnnetzes 
zu wohnen, dann muss man eben Abstriche machen.

Das Allereffizienteste wäre allerdings, wenn wir uns irgendwann auch die Daueraufträge 
schenken würden. Es hat ja keinen Sinn, der Freundin zur Hochzeit hundert Franken zu 
überweisen, damit sie mir dann zu Weihnachten das Geld wieder rücküberweist. Spare doch also
 jeder gleich aufs eigene Konto, mit feuchtem Händedruck an alle bei jeder Gelegenheit. Mit 
Zinsen wäre ziemlich bald ein viertes Zimmer drin. Und wieder Platz für Geschenke! Wer sagt’s 
denn. Problem gelöst.







ERSCHIENEN IN Z, DER STILBEILAGE DER NZZ AM SONNTAG VOM 8. DEZEMBER 2014